Kommentar zu Philemon 1-3 [Studium des Philemonbriefs]

Philemon 1-3

Ich studiere zur Zeit mit einer Whatsappgruppe den Philemonbrief. In diesem Artikel halte ich meine Beobachtungen und Gedanken zu den ersten drei Versen (Philemon 1-3) fest. Vielleicht sind sie dir beim Studium des Philemonbriefs behilflich. Ich würde mich aber auch über Ergänzungen durch Kommentare freuen!

Eine eigene wörtliche Übersetzung von Philemon 1-3

1 Paulus, ein Gefangener Christi Jesu, und Timotheus der Bruder, an Philemon dem Geliebten und unserem Mitarbeiter, 2 und an Aphia, die Schwester, und Archippus unseren Mitsoldat, und an die Versammlung in deinem Hause. 3 Gnade euch und Friede von Gott, von unserem Vater und Herrn Jesus Christus.

Beobachtungen & Gedanken zu Philemon 1

Paulus, ein Gefangener Christi Jesu

  • Paulus ist den meisten aus seinen zahlreichen Briefen und aus der Apostelgeschichte bekannt. Seine Geschichte (vom Saulus zum Apostelmissionar) soll hier nicht nachgezeichnet werden.
  • Paulus stellt sich sonst meinst mit „ein Apostel Christi Jesu“ oder „Knecht/Sklave Christi Jesu“ vor.
    • Paulus stellt sich hier nicht autoritativ als Apostel vor, weil er schon hier seinem Vorhaben nicht entgegenwirken will, nicht etwas anzuordnen, sondern um einen Gefallen zu bitten (V. 8-9 & 14).
    • Mir ist aufgefallen, dass dies der einzige Brief ist, in dem Paulus sich als Gefangener vorstellt.
    • Paulus nennt sich sicher nicht Gefangener, um nur auf seine momentane Lage hinzuweisen. Gefangene wurden häufig zu Sklaven gemacht. Vielleicht will Paulus diese entgegengesetzte Entwicklung andeuten.
    • Warum Paulus sich selbst nicht als Sklave Christi vorstellt (wie in Röm 1,1 und Tit 1,1), habe ich noch nicht ganz durchschaut. Würde er sich damit zu sehr auf Onesimus Seite schlagen?
  • Wird Paulus von Jesus Christus gefangen gehalten? Nicht im wörtlichen, aber im übertragenen Sinn könnte man das vielleicht sagen. Er ist nicht gefangener des römischen Kaisers, sondern Gefangener Jesu und sein Eigentum (vgl. 1Kor 6,20; 1Petr 1,18-19). Doch gemeint ist sicher, dass Paulus aufgrund (des Glaubens und der Verkündigung) von Jesus Christus ein Gefangener ist (vgl. Vers 13).
  • Wegen zahlreicher Hinweise im Kolosserbrief, kann man davon ausgehen, dass Paulus die beiden Briefe zusammen übermitteln ließ und damit etwa zur selben Zeit schrieb. Es wäre spannend die Bezüge zueinander zu erforschen.
  • Wo war Paulus gefangen? Aufgrund der Nähe zum Kolosserbrief kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass Paulus den Brief aus der Gefangenschaft in Rom schrieb (ca. 60-62 n.Chr.). Zu den Umständen seiner Untersuchungshaft in Rom siehe Apg 28.

und Timotheus der Bruder

  • Timotheus war ein Jünger von Paulus. Hier gibt es einige biographische Informationen zu ihm.
  • Obwohl Timotheus hier erwähnt wird, schreibt Paulus doch als Hauptautor diesen Brief – vergleiche immer die erste Person Singular ab Vers 4.
  • Warum wird er dann aber erwähnt? Auf jeden Fall nicht nur, um zu grüßen (dann könnte er in Vers 23-24 eingereiht werden).  Man kann relativ sicher davon ausgehen, dass Philemon den Timotheus auch  in Ephesus kennen gelernt hat und Timotheus bei Paulus war, als dieser diesen Brief schrieb. Vielleicht hat Timotheus den Brief sogar von Paulus diktiert bekommen und nur Vers 19 wurde von Paulus eigenhändig geschrieben? Darüber hinaus kann ich mir aber auch vorstellen, dass Paulus Timotheus als Jünger (oder vll. sogar als Nachfolger) bekannt(er) gemacht werden soll.
  • Die nähere Beschreibung als Bruder fällt auf. Er bekommt keinen erhöhenden Titel, sondern den Ehrentitel „Bruder“, mit dem im Laufe des Briefes Paulus auch Philemon, sich selbst und sogar Onesimus bezeichnet.

an Philemon dem Geliebten und unserem Mitarbeiter

  • Was wir alles über Philemon wissen, will ich in einem anderen Artikel aufzählen. Sein Name bedeutet „der Freundliche“. Interessanterweise taucht Philemon nur hier im Philemonbrief auf und Vers 1 enthält die einzige Namenserwähnung.
  • Paulus richtet diesen Brief hauptsächlich an Philemon, auch wenn in Vers 2 noch weitere Empfänger genannt werden. Dies ist am Hauptinhalt (ab Vers 4) deutlich zu erkennen.
  • Paulus steht in enger Freundschaft zu Philemon. Er wird wie damals in Privatbriefen üblich als „Geliebter“ (nicht im Sinn von Liebhaber) angeschrieben. Manche Übersetzungen haben „den Lieben“, als ob Philemon so lieb sei. Gemeint ist aber, dass Philemon (von Paulus & von Gott) geliebt ist! Wissen wir, dass wir Geliebte sind?
  • „unser Mitarbeiter“ ist eine zweite nähere Beschreibung des Empfängers. Welchen Dienst des Philemon Paulus damit anspricht, bleibt unklar. Bestimmt hat es etwas mit der „Gemeinde“ zu tun, die sich in seinem Haus trifft (V. 3). Doch wen meint Paulus mit „uns“? Außerdem spricht Paulus in Vers 7 von der Mitarbeit des Philemon: Die Heiligen wurden durch ihn „erquickt“. Leider wird auch hier der Dienst nicht klar benannt.

Philemonstudium

Beobachtungen & Gedanken zu Philemon 2

und an Aphia, die Schwester

  • Aphia wird wie Philemon nur in diesem Brief das einzige Mal in Vers 1 erwähnt. Der Name Aphia bedeutet „die Produktive / die Fruchtbare“.
  • Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Aphia keine Mitarbeiterin des Paulus (ihr wird kein solches Attribut verliehen, wie z.B. Phöbe in Röm 16,1), sondern Philemons Schwester oder noch wahrscheinlicher seine Ehefrau war. Dafür sprechen 1. die namentliche Nähe zu Philemon – sonst wäre sicher Archippus zuerst und dann Apphia erwähnt werden. 2. Die Handschriften u.a. des Mehrheitstextes haben die Hinzufügung „die Geliebte“ – auch dies rückt sie zu Philemon zusammen. Wir würden heute sagen „Liebe [Ehefrauname] und lieber [Ehemannname]…“. 3. Die alten Kirchenväter (wie z.B. Johannes Chrysostomos) nennen Aphia die Ehefrau des Philemon.
  • Warum hat Paulus auch Aphia angeschrieben? Sicher weil sie als Hausherren die Entscheidung über den Haussklaven Onesimus mittragen musste.
  • Apphia soll nach kirchlicher Tradition wie Philemon das Martyrium unter Kaiser Nero erlitten haben. Sie soll sich gemeinsam mit Philemon, Archippos und Onesimus geweigert haben, an einem Opferkult teilzunehmen. Daraufhin wurden sie vom Statthalter Artokles zum Tod verurteilt. Appha und Philemon wurden gesteinigt.

und Archippus unseren Mitsoldat,

  • Archippus wird hier in Philemon 2 und im Kolosserbrief 4,17 erwähnt. Sein griechischer Name bedeutet „Herr über die Pferde“.
  • Paulus nennt Archippus „Mitsoldat“ oder „Mitstreiter / Mitarbeiter / Streitgenosse“.  Auch nach Kolosser 4,17 hatte Archippus einen Dienst / ein Amt in Kolossä oder der Umgebung. Darüber hinaus kann nur spekuliert werden: War er für die Gemeinde in Kolossä als Ältester zuständig? Oder stand er wie manche kirchlichen Traditionen behaupten, wie ein Bischof regional in Verantwortung? Wir wissen es nicht.
  • Spätestens hier wird klar, dass dies kein reiner Privatbrief ist. Der Konflikt um Onesimus ist so wie jeder Konflikt und jede Sünde keine Privatsache, sondern zieht seine Kreise. Konflikte haben immer Folgen für die Familie, Gemeinde und die Gesellschaft.
  • Warum wird Archippus einbezogen? Sollte er Philemon in eine bestimmte Richtung beeinflussen? Vielleicht sollte er einfach von Paulus weisem Umgang mit solch einem Konfliktfall lernen? Wie wäre es den Brief mit Archippus Augen zu lesen?

und an die Versammlung in deinem Hause.

  • Zuletzt wird auch die „Hausgemeinde“ als Empfänger des Briefes aufgelistet. Mit dem griechischen Wort „ekklesia“ kann eine Gruppe von Christen gemeint sein, die sich regelmäßig in einem Haus versammelt, d.h. eine Hausgemeinde als Teil der gesamten Gemeinde in einer größeren Stadt vgl. Röm 16,5; 1Kor 16,19 und Kol 4,15 . Diese Bedeutung des Wortes „Gemeinde“ ist hier am wahrscheinlichsten.
  • Sollte der Brief in der ganzen Gemeinde vorgelesen werden? Das wird Paulus hier bezwecken wollen. Alle sollen das Thema besprechen. Annahme und Vergebung sollen von allen gelernt werden.
  • Die ersten drei Jahrhunderte trafen sich Christen ausschließlich in geräumigen Privathäusern oder in öffentlichen Gebäuden. Die Gemeinden des NT besaßen keine Gemeindehäuser oder Kirchen. Sind wir bereit unser Haus für unsere Geschwister zu öffnen?
  • Philemon war offensichtlich wohlhabend und mutig bekennender Christ. Er stand durch das Angebot seines Privathauses öffentlich zu seinem Glauben und das konnte damals gefährlich werden. Aber der anderen Seite war es sicher eine Ermutigung für die anderen Gläubigen.

 

Beobachtungen & Gedanken zu Philemon 3

Dieser Gruß ist uns auch aus anderen Briefen bekannt (wörtlich identisch mit Röm 1,7 und Eph 1,2), doch wir sollten ihn nicht leichtfertig überlesen, sondern den Inhalt beachten.

Gnade euch

  • „Gnade“ ist das Wohlwollen, die Freundlichkeit oder die Gunst welche Gott den Menschen oder die Menschen sich untereinander gewähren. Was Gnade ist, lernen wir am Besten an der Person und dem Wirken von Jesus: Johannes 1,14-17.
  • Paulus wünscht Gnade – das ist die Grundvoraussetzung für die Wiederherstellung einer Beziehung in einem Konflikt. Gerechtigkeit allein (ohne Liebe) macht eine Beziehung nach der anderen kaputt.

und Friede

  • Mit „Frieden“ wird der Zustand des Friedens im Gegensatz zum Kriegszustand gemeint. In Bezug zwischen Personen kann man auch mit „Harmonie“ und „Eintracht“ übersetzen.
  • Paulus wünscht den Zustand des friedlichen Zusammenlebens und des gelösten Konflikts. Wie schön ist das, wenn Menschen sich wieder versöhnen!

von Gott

  • Gnade und Frieden sind kein Produkt menschlicher Anstrengung, sondern werden von Gott geschenkt. Gott ist der Geber aller guten Gaben – auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Wohin wenden wir uns in Konflikten?
  • Der Gruß kann auch als Gebet verstanden werden: Ich wünsche euch Gnade und Frieden = ich bitte Gott um Gnade und Frieden für euch!

von unserem Vater

  • Dass Gott unser Vater ist, hat uns vor allem unser Herr Jesus gelehrt. Durch Jesus werden wir mit Gott versöhnt und Kinder Gottes!
  • Diese Beziehung zu Gott verändert auch unsere menschlichen Beziehungen: Wir werden Geschwister! Die Wahrnehmung der veränderten Beziehung untereinander ist im Philemonbrief bedeutend (z.B. V. 16-17).

und Herrn Jesus Christus.

  • Gnade und Frieden werden von Gott allein durch den Herrn Jesus Christus geschenkt. Es gibt keinen anderen Weg.
  • Jesus wird als Herr (göttlicher Titel) und Christus (Messias / Erlöser) näher beschrieben. Diese Titel, an die wir uns so leicht gewöhnen, sind elementar für die Beziehung in der wir zu Jesus stehen sollten: Ist er dein Bestimmer oder bist du dein eigener Herr? Hilfst du dir selbst oder ist Jesus deine Hoffnung?

Zusammenfassende Gedanken und anregende Fragen zu Philemon 1-3

  1. Paulus beginnt seinen Brief an Philemon freundlich und wertschätzend. Er schreibt nicht von oben herab, sondern demütig. Wie treten wir anderen gegenüber auf? Wie sehr schätzen wir unser Gegenüber?
  2. Der Brief richtet sich zwar in erster Linie an Philemon, doch weil es keine Privatangelegenheit ist, sollen auch andere diesen Brief lesen und von ihm lernen. Wissen wir, dass alle Konflikte große Kreise ziehen und nicht nur als Privatangelegenheiten gelöst werden? Beziehen wir Menschen in die Konfliktlösung mit ein? Nehmen wir unsere Verantwortung als Beteiligte wahr?
  3. Paulus wünscht Philemon und allen Beteiligten, dass Gott ihnen durch gegenseitige Barmherzigkeit, zu der der Brief beitragen will, zu einem Zustand des Friedens verhelfe. Wissen wir um unsere Abhängigkeit von Gott? Wie viel Gnade haben wir erfahren? Streben wir nach Frieden?

Stand / zuletzt überarbeitet am: 17.06.2016

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